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Hinter den Kulissen - Wie Menschen aus der Kulturbranche in Zeiten von Corona leben

Ein Interview mit dem Kabarettisten Lennard Rosar

Aktuell leben wir in einer schweren Zeit. Für viele Menschen hat sich das Leben ab März 2020 schlagartig geändert. Und für viele dieser Menschen steht die Welt auch heute - 11 Monate später - immer noch still. Wir haben uns auf die Suche nach Kunst- und Kulturschaffenden gemacht und sie gefragt, wie es ihnen mit der aktuellen Situation geht - und sind dabei auf den Kölner Kabarettisten Lennard Rosar gestoßen. In einem sympathischen und ehrlichen Interview hat er uns einen Blick in seine momentane Situation sowie seiner Branche gegeben. Ebenso erzählt er uns von seiner Meinung und seinen Erfahrungen in Bezug auf das Kunst- und Kulturdasein in Zeiten des Corona-Virus.

Unser Gespräch fand auf die aktuell sicherste Art und Weise statt: Nämlich per Videocall.

Nachdem wir uns selbst vorgestellt und ein wenig geplaudert haben, baten wir Lennard, sich noch einmal für die Leser vorzustellen und ein wenig über sich zu erzählen. Außerdem wollten wir wissen, was er eigentlich so alles vor Corona gemacht hat.

Lennard: Selbst stelle ich mich als Kabarettist, Autor und Moderator vor, allerdings entscheidet letztlich der Zuhörer darüber, in welche Schiene er mich nun steckt - ob ich für ihn Comedy, Kabarett oder Satire mache. Ich versuche zumindest, immer etwas mit Haltung oder Politisches zu machen. Ich komme selbst eher aus dem links-grünen Spektrum, versuche aber mit meinem Content auch die breitere Masse abzuholen. Vor Corona habe ich mich viel auf meine Solo-Projekte konzentriert und mich in diesem Zuge nach einem Jahr auch damit selbstständig gemacht, sodass ich davon leben konnte. Anfangs waren das aber dann auch rund 200-220 Auftritte im Jahr, damit ich mir erstmal die Reichweite aufbauen konnte und mich damit finanzieren konnte. Neben Geschichten, wie Nightwash, hatte ich meine eigenen Veranstaltungen, auf die ich mich auch während Corona stärker konzentriert habe. Im Sommer konnten wir unsere Veranstaltungen als Open-Air abhalten, was super geklappt hat. Deshalb habe ich dann in der Zeit auch noch andere Shows in verschiedenen Städten gemacht und somit hauptsächlich als Veranstalter agiert, da ich dies, beziehungsweise Management, auch studiert habe. Nebenher habe ich auch viel als Autor gemacht. Derzeit arbeite ich zum Beispiel an einem Projekt für Greenpeace. Die werden jetzt 40 und ich schreibe dafür den Jubiläumstext.

Gina: Nachdem du erzählt hast, was du während des Lockdowns so machst und gemacht hast, würden wir auch gerne von dir wissen: Wie genau hat sich der Lockdown denn überhaupt auf deine Arbeit ausgewirkt?

Lennard: Das ist ganz schwer zu beantworten, da ich ja auch noch ein kleiner Künstler bin. Ich habe das vor Corona eineinhalb Jahre lang gemacht und als es dann richtig mit Corona losging, war ich gerade auf dem Sprung, es hauptberuflich machen zu können - und dann ging nichts mehr. Dadurch hatte ich noch gar nicht so die Routine drin. Im ersten Lockdown habe ich zum Beispiel auch, wie die meisten anderen, erstmal nichts machen können. Als es dann aber wieder los ging, bin ich eben auf die organisatorische Schiene gewechselt und habe zum Beispiel im Bumann in Köln-Ehrenfeld komplette Shows aufgebaut. Wir hatten alle zwei Wochen die Veranstaltungen, aber ich war 40 Stunden die Woche damit beschäftigt, das alles nach den gegebenen Maßnahmen zu organisieren.
Jetzt mit dem zweiten Lockdown kann ich erst deine Frage richtig beantworten, da ich mich darauf eingestellt habe, dass ich erstmal länger nicht arbeiten kann. Somit habe ich meinen Rhythmus verändert und bin nicht erst gegen 2 Uhr schlafen gegangen, wie es eben an den Event-Abenden war. Nun stehe ich um 8 Uhr auf und setze mir klare Zeiten, an denen ich an meinen aktuellen Projekten arbeite, sonst bekäme ich den Arsch nicht hoch und würde viel zu sehr durchhängen, wie eben viele andere auch gerade.

Caro: Also hast du für dich mittlerweile Wege gefunden, wie du den Hintern hochkriegst und produktiv bist. Das ist ja auch sehr wichtig - gerade jetzt, wo man sich langsam an diese Lockdown-Situation gewöhnt, da sie leider nun, nach knapp vier Monaten, zum Alltag geworden ist.

Gina: Konntest du dich denn bisher finanziell auch durch die anderen Projekte, die du gemacht hast, über Wasser halten?

Lennard: Pro Show blieben zwar immer dreistellige Beträge hängen, von denen man die Miete und eventuell Lebensmittel hätte zahlen können, aber das ist ja kein Umstand, unter dem man gut leben kann. Da ist es schon gut, dass es die Soforthilfen gibt. Ich hatte das Glück, dass ich die immer recht schnell bekommen habe. Da kenne ich andere, bei denen das gar nicht gut geklappt hat. Die Hilfen waren auch gut gedacht, aber ich weiß nicht, wieso sie an der Hälfte der Leute völlig vorbei gegangen sind. Außerdem habe ich noch, durch eine Aktion des Landes NRW, ein Künstlerstipendium bekommen, welches mir ebenfalls geholfen hat.

Caro: Und wie lief das alles so ab? Ging die Beantragung der Hilfen einfach und schnell?

Lennard: Überhaupt nicht. Ich kann völlig verstehen, wenn Leute damit überfordert sind. Du musst da eine Menge Kram angeben. Wenn du da beispielsweise gerade im Urlaub bist oder du einfach gewisse Dinge nicht mal eben bei dir hast, ist es sehr anspruchsvoll, das alles in kürzester Zeit einzureichen, damit die Hilfe auch bei dir ankommt.

Caro: Ach, schade. Man hatte da ja am Anfang gehört, das solle alles recht schnell und unbürokratisch ablaufen.

Lennard: Die erste Unternehmenshilfe war einfach und schnell zu beantragen, aber als dann Missbrauchsfälle auftauchten, wo Leute es fälschlicherweise oder mehrfach beantragten, wurden sie strenger. Beispielsweise durften Gewerbe ab dann die Hilfen nur noch über ihren Steuerberater beantragen. Da es aber gar nicht genügend Kapazitäten bei den Steuerberatern für all diese Menschen gibt, wird es dadurch besonders schwer, an die Hilfen heranzukommen. Ab Januar, für die Überbrückungshilfe drei, durften auch wir Künstler nur noch mit Steuerberater beantragen- und ich kannte vorher keinen. Da finde mal einen, wenn so viele Menschen derzeit darauf angewiesen sind. Ich habe so viele angefragt, aber keiner hat Kapazitäten frei. Da liegt derzeit auch mein Problem, da ich ohne Steuerberater gar nicht die Möglichkeit habe, die Hilfe für den Februar zu beantragen.

Caro: Das stellt natürlich leider noch eine zusätzliche Hürde bei der Beantragung dar.
Aber um einmal genauer auf das Stichwort Lockdown einzugehen: Denkst du nach wie vor, dass dieser lang andauernde Lockdown der richtige Weg ist? Oder glaubst du, dass man da mittlerweile andere Wege finden könnte?

Lennard: Ich will mir nicht anmaßen, über diese komplexe Situation ein Urteil zu fällen. Ich denke zwar auf der einen Seite: So viele sind ja nicht infiziert. Es betrifft ja hauptsächlich bestimmte Gruppen und man könnte das ja anders regeln. In der Gastro oder der Kunst- und Kulturszene hat man auch kaum etwas von Corona-Fällen gehört. Auf der anderen Seite jedoch, denke ich mir: Wie hätte es völlig ungebremst, ohne Lockdown ausgesehen? Ich finde aber auf jeden Fall, man könnte einiges optimieren. Es wird auch viel falsch gemacht in der Politik, vor allem was die Kommunikation angeht. Man bekommt es einfach immer noch nicht richtig hin, zu sagen: Was passiert mit gewissen Branchen ab dem 7. März? Es wurde nur gesagt: Okay, der Lockdown geht erstmal bis zum 7. März weiter und dann schauen wir mal. Da hätte ich nach all der Zeit ein bisschen mehr erwartet.

Caro: Also du findest es besonders schlimm, dass man bestimmte Branchen einfach hängen lassen hat und man zu wenige Informationen gegeben hat? Und dass man viel deutlicher hätte sagen sollen, wie es für gewisse Branchen weitergehen soll?

Lennard: Genau, etwas strikter und deutlicher und schnelleres Handeln - auch wenn ich weiß, dass es in einem föderalen Staat mit 16 Bundesländern wahnsinnig schwierig ist. Aber es ist mittlerweile alles so schwammig geworden und dadurch ist für die meisten gerade nicht klar, wie es jetzt weitergeht. Wie du auch eben schon sagtest, man gewöhnt sich auch langsam an die Situation und das macht ganz unangenehme, traurige Gefühle, da ja niemand so richtig glücklich damit ist gerade.
Trotz der Tatsache, dass ich mir in der Hinsicht striktere Vorgehensweisen wünsche, habe ich das Ganze, vor allem anfangs, auch kritischer gesehen, da ich die gesamten Fall- und Sterbezahlen auch in Relation zu der gesamten Situation gesetzt habe: Wie viele Leute werden dadurch jetzt auch depressiv oder begehen sogar Selbstmord? Wie viele verlieren ihre Existenzen? Wie viele andere Krankheiten bleiben unentdeckt, weil Menschen weniger zur Vorsorge gehen? All diese Faktoren stellen mich vor die Frage: Ist all dieses Leid, was dadurch verursacht wird, nicht größer, als das Leid durch Corona? Aber diese Frage kann ich eben nicht beantworten, da ich nicht weiß: Wie wäre es ohne den Lockdown gekommen?

Gina: Ja das sind sehr relevante Punkte.
Wo du es gerade schon angesprochen hast, wie es der Gesellschaft damit geht: Hat dich selbst denn die gesamte Situation mit dem Lockdown auch persönlich getroffen, da du beispielsweise Freunde und Familie viel weniger sehen kannst?

Lennard: Meine Eltern sind auch noch recht jung, arbeiten im Homeoffice und treffen ebenfalls noch Freunde, genau wie mein Bruder. Deshalb stört es mich nicht, sie zu besuchen. Und was Freunde angeht, hatte ich das Glück in einer WG zu wohnen, wodurch ich immer Menschen hatte, mit denen ich reden oder mal einen Spaziergang machen konnte. So richtig betroffen war ich nur in einer Situation. Mein bester Freund hat mit seiner Partnerin ein Kind bekommen und ich konnte die drei bisher nicht besuchen. Sie müssen ja auch gerade mit einem Neugeborenen besonders vorsichtig sein. Aber ich denke das ist alles verkraftbar. Da gibt es einige Menschen, die es deutlich schlimmer getroffen hat. Mein Mitbewohner ist beispielsweise Sozialpädagoge und was er so erzählt, von Gewalt an Kindern über Entwicklungsstörungen, finde ich schon sehr bedrückend.

Caro: Ja das Thema, wie sich der Lockdown auf die Kindesentwicklung und allgemein auf die Menschen und ihre Psyche auswirkt, lenkt ja gerade auch in den sozialen Medien immer mehr Aufmerksamkeit auf sich. Die Menschen fordern zunehmend, dass die Politik auch diese Aspekte in die Entscheidungen bei der Corona-Politik miteinfließen lässt.

Lennard: Ich denke auch, dass es in einigen Jahren sehr spannende Studien über diese Themen geben wird. Das genaue Ausmaß ist ja derzeit noch gar nicht abzusehen.

Caro: Du hattest ja eben schon erwähnt, dass deiner Meinung nach einiges in der Politik hätte besser laufen können. Sagen wir mal, du hättest jetzt die Möglichkeit in der Regierung zu sitzen und speziell in der Corona-Politik in Bezug auf die Künstlerbranche etwas zu verändern. Was würdest du anders machen?

Lennard: Zunächst, etwas satirisch gesagt, würde ich die 53 Milliarden Steuergelder, die wir unverständlicherweise gerade in einer solchen Zeit in den Rüstungsetat für die Bundeswehr gesteckt haben, nehmen und sie auf verschiedene Bereiche aufteilen. Unter anderem auf die Kunst- und Kulturszene, die gerade mal eine Milliarde für die nächsten Monate bekommen hat und meiner Meinung nach zu kurz kommt. Denn genau diese Szene ist so wichtig für unsere Freizeitgestaltung und nur diese schafft es, Aufmerksamkeit auf wichtige Themen zu lenken. Daher würde ich mir ein bisschen mehr Geld für unsere Branche wünschen, aber vor allem eine Konzeptausarbeitung mit Einbindung von Experten, da in den Räten nie mal jemand aus der Szene selbst saß. Die Abstands- und Hygienekonzepte im Theater, in der Gastro und so weiter haben im Sommer gut funktioniert. Die Distanz läuft da besser als teilweise bei den Leuten zu Hause. Wenn ich mit Freunden essen gehe, ist der Abstand dort größer, als wenn wir zu Hause in einem privaten Raum sind. Also kurz und knapp: Wäre ich aktiv in der Politik, würde ich die Gelder anders verteilen, die entsprechenden Personen in die Räte einbinden und mehr Zukunftsperspektiven geben.

Gina: Ganz wichtige Punkte, die du da ansprichst. Also du bist ganz der Meinung, dass wenn entsprechende Hygienekonzepte und Regelungen wirklich konkret auferlegt würden, gewisse Dinge, wie ein Restaurantbesuch oder ins Theater gehen, definitiv wieder möglich wären?

Lennard: Ja. Zumindest jetzt wieder. Ich verstehe, dass man es im Dezember und Januar mit 30.000 Fällen am Tag natürlich eine Zeit lang sein lassen musste und dass ein Lockdown schon länger als drei Wochen gehen muss. Es ist für mich auch noch okay, dass er jetzt bis März gehen soll. Ich bin aber der festen Überzeugung, dass man spätestens im April, mit einem durchdachten Konzept, wieder aufmachen sollte. Es gibt so tolle Konzepte, die tolle Menschen entworfen haben, welche auch funktioniert haben. Das weiß ich, weil ich selber 1500 Menschen in 10 verschiedenen Shows im Sommer bespaßt habe und es gab nicht einen einzigen Fall. Das bedeutet für mich, dass unsere Konzepte funktionieren.

Caro: Da gebe ich dir recht. Es gab zum Beispiel auch das Konzept „Arena Now“ der Lanxess Arena, welches super funktionierte. Bis sie im Oktober schließen mussten, hatten sie 30.000 Gäste und darunter keinen einzigen Corona-Fall. Oder auch Konzepte in Restaurants haben super funktioniert. Da sollte man sich fragen, ob es so fair ist, dass gerade diese Leute für ihre Bemühungen überhaupt nicht belohnt werden.

Lennard: Ich finde, es ist auch nicht gut durchdacht. Die Einkaufswagen-Pflicht ergibt auf der einen Seite Sinn, um zählen zu können, aber man hat oft gar nicht die Möglichkeit zur Desinfektion vor oder nach dem Gebrauch. Warum gibt es da dann nicht mehr Sicherheit? Aber auf der anderen Seite werden einem FFP2 Masken aufgezwungen.

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© Götz Vogelstein

Gina: Was denkst du denn, wann es für euch Künstler wieder ganz normal weiter gehen kann? Bist du da optimistisch oder denkst du eher, dass ihr noch ein paar Jahre mit der ganzen Situation zu kämpfen haben werdet?

Lennard: Ich habe schon mit ein paar Kollegen die These aufgestellt, dass es bis 2023 wieder einigermaßen normal sein könnte. Ich wäre aber schon happy, wenn zumindest der diesjährige Sommer so wird, wie der letzte Sommer. Das war völlig akzeptabel, mit etwa 200 Leuten Open Air Shows zu machen. Dann hoffe ich, dass wir die Wintermonate, wie den letzten September erleben können. Also dass in einem 200 Personen Saal etwa 50 Menschen mit Abstand sitzen dürfen. Es ist abgespeckt, aber wir können immerhin ein bisschen Umsatz machen. Meine Hoffnung ist, dass wir das hinbekommen und nicht wieder ein Lockdown Ende 2021 kommen muss. Im Sommer 2022 könnte schon wieder einigermaßen Normalität einkehren. Vielleicht finden noch keine großen Festivals, wie Rock am Ring, statt aber möglicherweise Konzerte mit 1000 Leuten. Ich hoffe, dass es dann bis 2023 wieder möglich ist, mit ganz viel Spaß auf einem vollen Konzert zu stehen!

Caro: Auf jeden Fall können wir einfach nur hoffen, dass es bald mal für uns weitergeht.

Lennard: Ja. Viele Themen, wie Flüchtlingscamps werden auch durch Corona in der Politik und in den Medien verdrängt. Daher soll man sich tatsächlich nicht beschweren, mal einen Sommer nicht feiern gehen zu können.

Gina: Das stimmt. Aber uns jungen Leuten wird wirklich meist nur vorgehalten, dass wir doch mal ein Jahr auf Partys verzichten können. Aber darum geht es ja nicht nur. Gerade in unserem Alter von Anfang, Mitte zwanzig ginge so viel verloren, wenn wir wirklich noch, wie du vermutest, zwei weitere Jahre mit Einschränkungen leben müssten.

Lennard: Du hast Recht, alles an Erfahrungen, die ihr jetzt in eurem Alter sammeln könnt, ist so wichtig. Es ist halt nun mal die wilde Zeit, wo man noch die Energie hat, viel zu erleben. Also ich meine, ich bin jetzt auch 27 und ich merke schon manchmal, dies und jenes geht auch nicht mehr, wie früher. Die Zeit mit 21, 22, 23 ist schon krass geil und die ist super wichtig für die Lebenszeit und es wäre wahnsinnig schade, wenn da so viel wegbricht.

Caro: Die Zeit gibt einem ja auch keiner wieder.

Lennard: Die Gesellschaft wird sich auch verändern. Ich bin mir sicher, dass wir hier anders rausgehen. Deutlich sozial inkompetenter, auf allen Ebenen. Es fängt bei einem Dreijährigen an, der Schwierigkeiten hat, sich zu artikulieren, weil die Eltern super viel zu tun haben und er keine oder kaum Altersgenossen hat, die er gerade trifft. Und das geht bis hin zu Pubertierenden, die in eine schulische Isolation geraten sind. Es entgeht vieles. Genauso bei Student*innen: Wenn du in den ersten drei Semestern den sozialen Kontakt komplett verpasst, macht das auch was mit dir. Du entwickelst dich auf jeden Fall anders. Es sind ja nicht nur Events und ähnliche Dinge, die wir über die Jahre verlieren. Es ist auch eine Frage, wie wir wieder miteinander umgehen, was können wir noch und was nicht und wie offen wir gegenüber anderen Menschen sein werden.

Caro: Meinst du denn in der Veranstaltungsbranche wird wieder alles so, wie es vorher war oder was glaubst du, könnte da in Zukunft ganz anders oder vorsichtiger angegangen werden?

Lennard: Irgendwann wird es auf jeden Fall wieder gänzlich normal, aber eher auf lange Sicht. Vielleicht bleibt so etwas, wie Distanz oder Maskenpflicht noch länger. Bestimmt wird auch ein Frontsänger bei einem Konzert nicht die verschwitzten Hände der Leute in erster Reihe anfassen wollen. Ich denke solche Dinge werden noch länger überdauern, an die wir uns aber auch gewöhnen werden. Ich hoffe trotzdem, dass die Natürlichkeit und der Zyklus der ganzen Szene wieder zurückkehren. Egal, ob Musik, Comedy, Kabarett: Du hast in jeder Kunstform erfahrene Profis bis hin zu Newcomern. Die, die gerade angefangen haben, sind erstmal ein Jahr auf Eis gelegt worden, denn niemand wollte sie bei den wenigen Auftrittszeiten, die es gab, haben. Haben die jetzt alle hingeworfen? Ist uns eine komplette Generation weggebrochen? Du wirst erstmal immer nur die Künstler*innen nehmen, die dir möglichst viel Geld versprechen. Und bis wieder jemand in die Position kommt, einen recht guten, schnellen Aufstieg zu haben, wie ich, der sagt, in zwei, drei Jahren möchte ich schon meine Fernsehauftritte haben, wird erstmal alles eher mit den altbekannten Gesichtern gefüttert. Viele Newcomer werden ihre Arbeit, die dadurch nicht möglich ist, leider bestimmt an den Nagel hängen.
Jetzt wurde ich hier aber nochmal richtig abgeholt bei der letzten Frage.

Abschließend bedankten wir uns für das aufschlussreiche, informative Gespräch und verabschiedeten uns von Lennard - mit der Hoffnung, uns bald auch mal eine Live-Show von ihm ansehen zu können.

Wer jetzt nach solch einem spannenden Interview noch mehr von Lennard erfahren möchte, der kann gerne auch auf seinem neuen Instagram-Account lennardrosar_comedy vorbeischauen.

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© Götz Vogelstein